Teenager sind filmogen – ihre Leiden, ihre Unschuld, ihr Durst nach sexuellen Erfahrungen und ihr ungezügelter Zynismus ihren Eltern gegenüber machen sie zu einer der faszinierendsten Protagonisten-Spezies überhaupt. Am unterhaltsamsten ist es, diese hormongesteuerten, linkischen und übersensiblen Wesen anzuschauen, wenn man diese Leidenszeit bereits in sicherer Distanz weiss. Kein Wunder, gibt es seit jeher eine grosse Anzahl von Coming-of-Age-Komödien und Teenage-Trouble-Filme. Gus Van Sants Filmografie beispielsweise zeugt mit Filmen wie Good will Hunting, Finding Forrester, Elephant und Paranoid Park von einer fast unheimlichen Obsession für die jungen schönen Burschen und ihre kokettierende Einsamkeit.
Oliver Tate ist so ein Teenager, und doch ist er irgendwie anders als die untadeligen Helden anderer Teenie-Komödien. Der fünfzehnjährige Geek mit Pilzfrisur und Augenringen ist egozentrisch, liest Wörterbücher und zelebriert seine Aussenseiter-Melancholie beim abendlichen Spaziergang am Strand. Er macht sich Sorgen um die Gemütsschwankungen seiner verklemmten Eltern (brillant verkörpert von Noah Taylor und Sally Hawkins), zumal er Buch über ihre spärlichen Beischlafaktivitäten führt. Seinem depressiven Vater, der als Meeresbiologe auch psychisch in den Tiefen eines Unterseebootes lebt, werden zu allem Übel von Graham, dem sexy Esoterik-Nachbarn, Hörner aufgesetzt. Und da wäre noch die kratzbürstige pyromanische Jordana mit ihren unwiderstehlich traurigen Augen und dem roten Kapuzenmantel.

Wie in der gleichnamigen Romanvorlage von Joe Dunthorne führt uns auch in der Filmadaption Olivers literarische Erzählstimme durch seine Abenteuer. Seine inneren Monologe sind von entrückter Poesie, gespickt mit viel Teenager-Zynismus und Schwarzem Humor, wobei der Unterschied zwischen Erlebtem und Olivers Wahrnehmung offensichtlich ist. Es ist gerade diese Diskrepanz, welche Olivers Welt, die sich in einer selbstbezogenen emotionalen Blase abspielt, einen amüsanten Unterton verleiht. Der Anti-Held Oliver ist zugleich lächerlich wie berührend, wenn er, einem Set-Designer gleich, sein Zimmer und sich selbst für den ersten Sex mit Jordana minutiös vorbereitet.
Richard Ayoade schafft es mit einer sensiblen Orchestrierung von Humor und Ernsthaftigkeit, seine Schauspieler zielsicher dorthin zu führen, wo er sie haben will: zum Kern der Teenager-Leiden, der trotz überspitzter Inszenierung zu berühren vermag. Man merkt dem Jungregisseur seine künstlerische Vergangenheit an; Ayoade drehte zuvor das Musikvideo zum finsteren Pubertäts-Song «Fluorescent Adolescent», Alex Turner von «Arctic Monkeys» komponierte im Gegenzug den Originalsoundtrack für submarine. Der Spielfilmerstling wird von einem teils Video-Clip ähnlichen Kamerastil und formalen Manierismen getragen; Zeitlupe, Zeitraffer, Freeze-Frames und die teils hektische Montage komplementieren Olivers atemlose Voice-Over.
Obwohl der Zeitraum, in dem der Film spielt, von den Machern bewusst nicht deutlich definiert wurde, erinnert Olivers bitterer Zynismus unweigerlich an J. D. Salingers Holden Caulfield aus dem Fünfzigerjahre-Kultbuch «The Catcher in the Rye». Auch der schreiende Achtziger-Look von Lebenscoach Graham mit seiner Frisur, gnadenlos nach MacGyver, die VHS Kassetten, Festtelefone und die erholsame Abwesenheit von Handys und Computer geben dem Film einen nostalgischen Grundton – eine tiefe Sehnsucht nach diesen schmerzlich aufregenden Jahren, bevor die öde Routine der Erwachsenenwelt uns benebelt und es ein für allemal vorbei ist mit Hormonschüben und Kuschelrock.
