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Sieranevada

Cristi Puiu ist ein Meister der Extreme. In seinem neusten Film lässt er in einer Bukarester Wohnung Trauergäste zusammenkommen und die Zuschauer als Fliege an der Wand Diskussionen, Streitereien und Rituale beobachen.

Text: Doris Senn / 08. März 2017

Cristi Puiu ist ein Meister der Extreme. Formal ebenso wie inhaltlich. In The Death of Mister Lazarescu, mit dem Puiu 2005 seinen grossen Durchbruch schaffte, liess er uns in rund zweieinhalb Stunden und nicht ohne schwarzen Humor die Irrfahrt eines todkranken Mannes im Krankenwagen und die skurrilen Szenerien in den Notaufnahmen Bukarests erleben. Nun nimmt uns der rumänische Filmautor, der in Genf studiert hat, in Sieranevada mit auf ein dialogreiches 173-minütiges Kammerspiel in der Enge einer Bukarester Wohnung – ein reizvolles, aber mitunter auch etwas strapaziöses Unterfangen.

Der Titel tue nichts zur Sache, er sei ein «assozia­tionsreiches Mysterium», meint der Regisseur selbst. Im Zentrum des Films steht denn auch eine familiäre Feier zu Ehren des verstorbenen Vaters. Das extensive Huis clos, das die Kamera wie eine stumme Beobachterin einfängt, beinhaltet Unspektakuläres: Die kleine Sippe kommt zusammen, die Frauen kochen, decken den Tisch auf und wieder ab (ohne dass gegessen worden wäre). Man diskutiert, streitet, weint – und wartet auf den Popen. Dieser soll die Segnung eines Anzugs vornehmen, den jemand aus der Familie künftig tragen soll, um so den Toten symbolisch wiederaufleben zu lassen. In der Zwischenzeit kochen die kleinen und grossen Konflikte hoch, wird ein Loblied auf das frühere kommunistische Regime gesungen oder werden Verschwörungstheorien ausgebreitet. Der Film verortet sich 2015, unmittelbar nach dem Pariser Attentat auf Charlie Hebdo.

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Manchmal kommt man sich in der gedrängten, teils verdunkelten Wohnung vor wie in der Schiffskabinenszene von A Night at the Opera der Marx Brothers: Ständig kommt noch jemand dazu, verschwindet in der Küche, im Esszimmer, im Schlafzimmer, im Bad. Mal werden wir in diesen Raum und seine angeregte Diskussion hineingewirbelt, mal in jenen. Den Überblick zu behalten bei all dem Hin und Her – ganz abgesehen von den verwandschaftlichen Beziehungen – fällt schwer. Nicht zuletzt weil auch die Kamera immer wieder aussen vor bleibt: im schmalen Eingangskorridor, vor geschlossener Tür. In der Hand von Barbu Balasoiu verbleibt sie dabei auf Augenhöhe. Statisch oder mit kurzen Schwenks folgt sie teils minutenlang dem Geschehen, das sich wie auf verschiedenen Bühnensets und rhythmisiert durch ein stetiges Auf und Zu der Türen vor uns abspielt. Oder auch vor uns verborgen bleibt.

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Leitfigur im Film ist Lary, vierzigjährig und Arzt. Gespielt wird er von Mimi Branescu, der schon in The Death of Mister Lazarescu einen Arzt spielte. Er ist der älteste Sohn und verbindet die verschiedenen Mikrokosmen des Dramas. Er fungiert auch als Alter Ego des Regisseurs. So sagte Puiu in einem Interview, er habe die Story seines jüngsten Films ausgehend von der eher bizarren Gedenkfeier für seinen eigenen Vater ersonnen. Leitthema des Films ist das familiäre Zusammenkommen an der festlichen Tafel – ein Ritual, das in vielen rumänischen Filmen als Motiv des Zusammenhalts, aber auch als Ausgangspunkt für konfliktreiche Diskussionen ins Bild gesetzt wird.

Puiu sieht das Dispositiv in Sieranevada nicht zuletzt als symbolträchtig für unser Geschichtsbild und unsere Erinnerung – im Kleinen wie im Grossen. Wir müssten uns verstärkt der Fragmenthaftigkeit unserer Wahrnehmung und Erinnerung bewusst sein und entsprechend der Subjektivität unseres Wissens, meinte Puiu in einem Interview: «Auch im Leben erfährt man nie die ganze Geschichte, sei es die Geschichte der Gemeinschaft oder die Geschichte eines persönlichen Ereignisses. Es ist ein Puzzle, für das uns die meisten Teile fehlen.»

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Puiu, der wie Cristian Mungiu, Corneliu Porumboiu oder Radu Muntean das «neue rumänische Kino» nach der Wende mitgeschaffen hat, zeichnet mit seinem neusten Werk ein ebenso ungeschöntes wie ausuferndes Abbild der Gegenwart in Rumänien: ein Sittenbild zwischen Tradition und Moderne, angesiedelt zwischen der Verherrlichung kommunistischer Zeiten und einer jüngeren Generation, die ständig mit dem Handy zugange ist und ihr Bewusstsein mit Informatio­nen aus dem Internet speist, zwischen einem Popen, der nach alter Sitte Segnungen vornimmt, und einer kapitalistisch orientierten Mittelschicht, die sich den Wohlstand und das Profitstreben mit den westlichen Ländern teilt.

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Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 2/2017 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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