Es sollte sein siebter Kinofilm seit 1968 werden. Statt dessen hinterlässt jetzt die Übung, völlig ungeplant, einen «autobiographischen Bericht». Elegant wurde «Swiss Paradise», so lautet der vielsagende Titel, vom unrealisierten Skript an das Buch weitergegeben, und er nahm bei dieser Rezyklierung einen zartbitteren Geschmack an. Ursprünglich war er dazu ausersehen, den Ort der Handlung zu bezeichnen: ein Stück kitschigen helvetischen Dekors im amerikanischen Mittelwesten, wohl entfernt vergleichbar einem der vielen so genannten Themenparks. Jene Staffage wird jetzt der Obskurität unentrissen bleiben.
Die Schweiz hat Rolf Lyssy fast gleich viele Wege geebnet wie versperrt. Mit 65 zieht er das Land ohne Mengenrabatt zur Rechenschaft, und das geht geschrieben wohl besser vonstatten als gefilmt – und es ist auf jeden Fall billiger. Doch ist er zu klug geworden (kraft erlittenen Schadens), um nicht auch versöhnlich zu sein. Hält sich hartnäckig die Sage von den wunderlichen Gefilden, die in Helvetien zu finden seien, dann nimmt er die Mär (fast) für bare Münze statt sie in landesüblicher Manier ironisch aufzufassen. Hätten ihm denn die USA oder Israel im Falle einer Auswanderung besser zugesagt?
Absturz und Wiedergeburt
Das ist inzwischen nicht nur zweifelhaft, sondern es ist zu einer hypothetischen Frage geworden. In diesem Sinn lässt sich das vielgelobte und -geschmähte Heidiland sehr wohl als Paradies erleben, aber nur, solange alle fest vor Augen haben: vom Eden der Bibel ist es nur (aber immerhin) die Parodie. Man muss sich Heidiland ähnlich vorstellen wie alles, was geeignet wäre, sich westlich von Chicago als ein typisches «Swiss Paradise» anzubieten.
Realitäten solcher Art sind schizophren, und sie können schizophren machen. Eine Fiktion zu bewohnen setzt den sensibeln Temperamenten häufig zu. Ob früher oder später ein psychisches Leiden jemanden wie Lyssy befallen würde, war wohl weniger die Frage als: schmettert ihn das Übel, das male oscuro, ein für allemal auf die Bretter, oder tut es das nur vorübergehend? Wer sich auf Zusehen hin einweisen lassen muss, wie es dem Autor beschieden war, der hat sich den Wahnsinn der Verhältnisse auf Leib und Seele kopiert. Da mögen die Kliniker noch so konservativ bis fast optimistisch von «Depression» reden. Im Französischen bedeutet der ominöse Begriff auch so viel wie «Tiefdruckgebiet». Und das nächste Hoch folgt ja (irgendwann) bestimmt, oder nicht?
Diesem Leidensweg folgend ist Lyssy der Schweiz auf den Grund gegangen statt auf den Leim, ähnlich den Helden der Antike mit ihrem Gang durch die Unterwelt. Egal, wie gut oder schlecht das Filmprojekt «Swiss Paradise» war, das Lyssys kommerziellen Knüller Die Schweizermacher von 1978 fortspinnen sollte: wenn das Scheitern des Vorhabens den Absturz einleitete, dann geriet das Verfassen des gleichnamigen Buchs zu einem Teil und zum Ausdruck der Wiedergeburt. Und auf diese Weise schmuddelt sich – zwischen gelungenen Unternehmungen und etlichem, was daneben gerät – Lyssy seit eh und je durch: mit den schweizerischen Gegebenheiten unbeirrbar auf Kollision, aber nach jedem Zusammenprall wieder auf den Beinen und geneigt, sich frisch über die folgende Runde zu prügeln. Die Jahre hindurch muss er mit seiner Unversenkbarkeit und flinken Lippe vielen Kulturverwaltern bleibend auf den Geist gegangen sein. Er braucht sie nicht zu nennen. Jeder, der gemeint ist, zuckt zusammen.

(Bild: Konfrontation)
Film und Leben
Wiederholt greifen Film und Leben auf beängstigende Weise ineinander. Für Konfrontation kauft er 1974 eine Pistole samt (scharfer) Munition. Der Held, David Frankfurter, denkwürdig verkörpert von Peter Bollag, erschiesst mit der Waffe (und selbstverständlich blinden Patronen), entsprechend den historischen Tatsachen von 1938, vor der Kamera den designierten NS-Gauleiter für die Schweiz Wilhelm Gustloff. Am Ende der Produktion nimmt der Regisseur das Requisit zu sich: mit Zubehör, aber ohne besondere Absicht.
Ein Vierteljahrhundert danach, während seiner Internierung, spielt er wie unter Zwang mit dem Gedanken, sich mit dem bewussten Schiesseisen das Hirn zu verbrennen. Davon, dass er sich jemals vorgenommen hätte, in Nachahmung Frankfurters den Lauf auf jemand andern zu richten als gegen die eigene Person, steht in dem Buch kein Wort. Vom Selbstmord hält ihn schliesslich der Umstand ab, so macht es den Anschein, dass bis dahin schon mehrere Schweizer Filmemacher aus dem Leben geschieden sind, ohne bei den Hinterbliebenen mehr auszulösen als ein schuldbewusstes Achselzucken. Das eigene Überleben absorbiert die Nachwelt restlos.
Doch wenn eine Entsprechung von der Leinwand hinüber reicht in die Biographie, dann gibt es auch einen Rücklauf. Teddy Bär erzählt 1983 von einem Schweizer Oscar-Gewinner, dem es verwehrt ist, einen nächsten Film zu realisieren, und veranlasst Lyssy, die Bürokraten zu ridikülisieren, die ihm das Leben schwer machen. Fast um den Verstand gebracht, gerät der Held in die Anstalt.
Wie ein Kinostück
Selbsternanntes Kino-Genie im Irrenhaus – diese Wendung allein vermöchte dem Film noch keinen prophetischen Charakter zu verleihen. Überwirklich wird die Sache erst, indem sich Lyssy den Part des verkannten Teddy Bär selber zuweist. Es ist das einzige Mal, dass er eine Hauptrolle persönlich innehat. Wann wird aus dem lauteren Zufall eine Ironie des Schicksals und wann eine biographische Folgerichtigkeit? Immer wieder muss der Autor die Frage abschütteln, ob er mit der eigenen Psychiatrisierung spät dafür büsse, dass er allzu Ernstes vielleicht allzu weit ins Frivole gezogen hatte.
Mit seinem Hin und Her zwischen Fakten und Fiktionen nimmt im Übrigen der «autobiographische Bericht» die Spannung und die Dynamik eines Kinostücks an: so, wie es wohl kaum jemand anders zu realisieren vermag als in der Form eines Buchs, ob er Lyssy heisse (oder wie immer), und ganz gleich, welches Paradies es nun sei, in dem er leben möchte.
(Titelbild und letztes Bild: Teddy Bär)
