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The Kids are All Right

Szenen einer lesbischen Ehe: Ein gewöhnliches Familienleben gerät durch das Erscheinen einer weiteren erziehungsberechtigten Person aus den Fugen. Lisa Cholodenko rückt die LGBT-Community auf eine selbstverständliche, ungezwungene Art in den Fokus.

Text: Michael Ranze / 10. Nov. 2010

Szenen einer Ehe, einer lesbischen Ehe, um genau zu sein. Doch vielleicht ist dieser Zusatz gar nicht so wichtig. Im neuen Film von Independent-Regisseurin Lisa Cholodenko geht es um eine eigentlich intakte Familie, die durch einen Aussenseiter gefährdet wird. Fast ist man geneigt, The Kids are All Right als ganz “normale” Dreiecksgeschichte mit allen dramaturgischen Verwicklungen und Lösungen zu bezeichnen, die zu dieser Art Liebeskomödie dazugehören. Doch was ist schon normal, wenn zwei Frauen miteinander verheiratet sind?

Im Mittelpunkt: Nic, eine erfolgreiche, sehr prinzipientreue Krankenhausärztin, und Jules, die sich unausgefüllt fühlt und dar-
um eine eigene Landschaftsgärtnerei aufbauen will. Seit über zwanzig Jahren sind sie verheiratet, sogar zwei Kinder haben sie zur Welt gebracht und aufgezogen: den fünfzehnjährigen Laser und die siebzehnjährige
Joni. Beide haben denselben Vater, einen anonymen Samenspender, und sind darum genetisch Stiefgeschwister. Cholodenko legt von Beginn Wert darauf, ein Familienleben wie so viele andere auch zu beschreiben: banal, alltäglich, voller Sorgen und Routinen, aber auch Freuden und Glücksmomenten. Kurzum: Es geht um eine Mittelstandsfamilie in einer beschaulichen Suburb in Südkalifornien, durchaus harmonisch, aber auch mit Reibereien.

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An ihrem achtzehnten Geburtstag beschliesst Joni, ihren biologischen Vater kennenzulernen, und bringt so die eigentliche Geschichte ins Rollen. Der Vater entpuppt sich als Paul. Mark Ruffalo spielt ihn als toleranten, hedonistischen, etwas unentschiedenen Mann, der ein kleines Restaurant mit Speisezutaten aus dem eigenen Garten betreibt. Ein eingefleischter Junggeselle zudem, der nie geheiratet und darum keine Kinder hat. Darum stimmt er zu, Laser und Joni zu treffen. Er findet es cool, dass ihre Mütter verheiratet sind, gerne lässt er sich zum Abendessen einladen. Für die Kinder hingegen hat seine lockere, unangestrengte Art etwas Befreiendes. So dürfen sie zum Beispiel auf Pauls Motorrad als Sozius mitfahren – etwas, das Nic nie erlauben würde. Mit einem Mal gehört Paul irgendwie dazu, und als er erfährt, dass Jules als Landschaftsgärtnerin arbeiten möchte, heuert er sie kurzentschlossen an, seinen Garten auf Vordermann zu bringen. Während sie in der heissen Sonne Pläne studieren oder schwitzend die Erde umgraben, kommt es, wie es kommen muss: Beide landen im Bett – mit katastrophalen Folgen. Nic fühlt sich betrogen und reagiert in ihrer Eifersucht unversöhnlich, Jules ist verwirrt, weil sie eigentlich lesbisch ist, Paul ist unangenehm berührt über seine Unbedachtheit, und die Kinder sind hin- und hergerissen zwischen ihren überfürsorglichen Müttern und dem coolen Vater, den sie doch gerade erst kennengelernt haben.

Lisa Cholodenko ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch ihr Regiedebüt High Art (1998) und den Nachfolger Laurel Canyon (2003) bekannt geworden. Filme mit lebendig umrissenen Charakteren, glaubwürdigen Konflikten und kurzen Einblicken in eine Welt, die dem Zuschauer vorher nicht vertraut war. Auch The Kids are All Right überzeugt durch ein leichtfüssig geschriebenes Drehbuch mit origineller Geschichte, intelligenten Dialogen und -einer ganz eigenen Sicht der Dinge. Cholodenko hat beim Schreiben des Scripts (gemeinsam mit Stuart Blumberg) grossen Wert auf die Unter-fütterung der Figuren gelegt, wer sie sind, wie sie sich verhalten. Dabei profitiert sie auch von den Hauptdarstellerinnen Julianne Moore und Annette Bening. Ihnen gelingt es nicht nur, ein lange verheiratetes Paar darzustellen, sondern auch noch alle Geheimnisse und Probleme, Sehnsüchte und Kompromisse in dieser gleichgeschlechtlichen Ehe mitschwingen zu lassen. Zum Zentrum des Films gerät eine Szene, in der Annette Bening beim gemeinsamen Abendessen ohne Unterlass redet, immer nervöser werdend, unterschwellig etwas ahnend. Je mehr Worte sie verliert, je eigenartiger, unechter wirken sie. Fast scheint es, als würde Nic selbst nicht wissen, was in ihr und mit ihr vorgeht. Ein Gefühl, das sich auf den Zuschauer überträgt. Nic nimmt eine Spannung im Raum auf und lässt sich von ihr mitreissen. Sie hat etwas entdeckt, und gleichzeitig versucht sie, diese Entdeckung zu ignorieren. Eine Szene, so phantasievoll,
packend und authentisch geschrieben, so feinfühlig und punktgenau gespielt, dass man staunend im Kinosessel sitzt. Jeder kennt dieses Gefühl: Etwas zu wissen, ohne es zu wissen – ein Paradox, an dem man verzweifeln kann.

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Eine andere bemerkenswerte Szene enthält eine witzig-liebevolle Hommage an Joni Mitchell – Cholodenko schlägt so eine Brücke zu §Laurel Canyon, der von der Sängerin und ihrer Platte «Ladies of the Canyon» inspiriert sein soll. The Kids are All Right ist voll solcher schönen Momente. Wenn man überhaupt etwas bedauern will, ist es die Lieblosigkeit, mit der Paul sang- und klanglos aus dem Film verschwindet. Schliesslich ist Jules an dem Seitensprung mitschuldig, und Paul hat nie die Absicht gehabt, eine Familie zu zerstören. Er lässt die Dinge einfach geschehen, verhält sich gedankenlos und ohne Motiv. Den Hass, den er auf sich zieht, hat er aber nicht verdient.

Lisa Cholodenkos Film ist auch ein Beweis dafür, dass sich nach Brokeback Mountain und A Single Man Hollywoods Umgang mit dem Thema Homosexualität allmählich wandelt, es scheint selbstverständlicher zu werden, Schwule und Lesben in den Mittelpunkt der Erzählung zu rücken. Das macht The Kids are All Right – bei allen unterhaltsamen Zwischenfällen, amüsanten Charakteren und unerwarteten Handlungsverschiebungen – zu einem (wenn auch milden) politischen Film.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 7/2010 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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