Giancarlo Siani war Mitte der achtziger Jahre Journalist bei «Il Mattino» in Torre Annunziata, einem Vorort von Neapel. Die heruntergekommene Gegend war beherrscht von der Camorra, es war die Zeit der Bandenkriege zwischen dem Boss Valentino Gionta und dem Clan der Nuvoletta. Als junger Journalist hatte sich Siani vor allem um «La cronaca nera», also die Rubriken Unglücksfälle und Verbrechen und Vermischtes, zu kümmern. Doch bald ging er Korruptionsskandalen nach und recherchierte heimliche Verbindungen zwischen Camorra, Justiz und Industrie. Aufgrund eines Artikels über einen Skandal bei der Bauvergabe für Häuser im Nachfeld des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben von 1980 wurde er befördert und in die Redaktion des «Mattino» in Neapel berufen. Er engagierte sich weiterhin, etwa auch mit Vorträgen in Schulen, im Kampf gegen die mafiösen Verhältnisse. Am 23. September 1985 wurde Giancarlo Siani, erst 26jährig, von Auftragskillern mit mehreren Schüssen ermordet.
Zum Auftakt sehen wir den jungen Mann, wie er des Nachts in seinem pistaziengrünen Citroën Mehari der Küste entlang zu sich nach Hause fährt, mit der Absicht, sich nachher mit seiner Verlobten zu treffen. Das Radio überträgt ein Konzert des Cantautore Vasco Rossi. Aus dem Off die Stimme von Siani: «Ich weiss nicht, ob ich dem Lied zugehört hätte, wenn ich gewusst hätte, dass ich in kurzem tot bin.» Marco Risi erzählt nun in der so eröffneten Klammer von den letzten vier Monaten im Leben von Giancarlo Siani – quasi in Form einer «Chronik des angekündigten Todes». Interessiert vor allem an der Person dieses in seiner Naivität und Umtriebigkeit von Libero de Rienzo kongenial verköperten Siani.

Er erzählt von Badefreuden, von seinem Fotografenfreund Rico, der den Drogen verfallen ist, von seiner Freundin Daniela und natürlich vom journalistischen Alltag: Man sieht Siani hinter der klapprigen Schreibmaschine (in Neapel dann gar kurz vor einem dannzumal modernen Textverarbeitungsgerät), mit Blöckchen und Kuverts, eiligen Schrittes durch dunkle enge Gassen und oder in rasanter Fahrt mit dem Citroën, im Gespräch mit Polizisten, mit Politikern, mit Zeugen, grossen Auges vor Mafia-Opfern. Und erfährt vergleichsweise wenig über die konkreten Hintergründe der Korruptionsfälle und Affären.
In Szene gesetzt ist Fortapàsc – insbesondere in den Auftritten der Camorra – aber fulminant, mit Druck, Verve und sehr inspiriert von meisterlichen Politfilmen aus den sechziger und siebziger Jahres des italienischen Kinos. Wie etwa ein Treffen von Mafiabossen verschränkt wird mit einer Sitzung des Gemeinderates ist explizit eine Hommage an Francesco Rosis Le mani sulla città von 1963. Und mit sicherem Gespür für Rhythmus und Spannungsaufbau – der Überfall der Nuvoletta-Leute auf Gionta ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Spannung liegt aber auch in den leiseren Passagen, insbesondere dann wenn die Bedrohung für Siani in Neapel, akzentuiert von stummen Telefonanrufen, seltsamen Begegnungen in dunklen Garagen oder – quasi aus dem Nichts – einem Schlag auf den Kopf, langsam anschwillt.
Fortapàsc ist Hommage an und vehementes Plädoyer für den aufrechten Journalisten – den giornalisti-giornalista im Gegensatz zum Büro-giornalista, der seine Aufgaben erledigt und dafür mit Haus, Auto und Hund belohnt wird, wie Siani von seinem Chefredaktor belehrt wird. Und darin wirkt der Film, trotz des tödlichen Endes, hoffnungsfroher, optimistischer, aber eigentlich unpolitischer als die nachhaltigsten Beispiele des italienischen Politfilms der sechziger und siebziger Jahre.
