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Eyes wide open 08

Eyes Wide Open

Text: Doris Senn / 03. März 2010

Es regnet in Strömen, als Aaron den Metzgerladen seines Vaters nach dessen Tod endlich wieder in Beschlag nimmt: Er räumt das verdorbene Fleisch weg, hängt einen Zettel ans Fenster, dass er einen Mitarbeiter sucht, und wartet dann auf Kundschaft. Das Geschäft liegt im orthodoxen Viertel Jerusalems – und dem Kanon der Strenggläubigen hat Aaron auch sein Leben untergeordnet: Er ist Oberhaupt einer vielköpfigen Familie, diskutiert im Freundeskreis den Talmud und führt als angesehenes Mitglied der Gemeinde ein geordnetes Leben.

Zumindest bis zu dem Tag, als Ezri seine Wege kreuzt. Der junge Student ist in Jerusalem gestrandet und findet bei Aaron Arbeit und ein Bett in der Kammer oberhalb des Geschäfts. In dem fortan geteilten Alltag im grün-grau-unterkühlten Ambiente der Metzgerei stellt sich bald so etwas wie Vertrautheit und Komplizität zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern her, und Aaron scheint dank seinem neuen Mitarbeiter aus seiner Trauer und dem grauen Einerlei zu frischem Leben zu erwachen. Ezri wiederum versucht vergeblich, seinen Lover – dessentwegen er nach Jerusalem kam – zurückzugewinnen. Im Viertel kursieren längst Gerüchte, und man macht zuerst subtil, dann immer handfester Druck auf Aaron, damit dieser den «Sünder» entlasse. Aaron verschanzt sich hinter Schlagworten wie «Nächstenliebe», doch zeigt sich immer mehr, dass es seine ureigenen Gefühle und Interessen sind, deretwegen er sich schützend vor seinen Mitarbeiter stellt. Schliesslich gibt Aaron denn auch seinem Begehren nach und beginnt eine leidenschaftliche Beziehung zu Ezri – und damit ein prekäres Doppelleben …

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Mit seinem Spielfilmdebüt wagt sich der fünfunddreissigjährige Haim Tabakman an ein brisantes Thema: Homosexualität wird – wie in anderen fundamentalistischen Religionen – auch im orthodoxen Judentum geächtet. Für alle, die sich ihre Anziehung zu einem/einer gleichgeschlechtlichen Partner/in eingestehen und sie offen leben, bedeutet dies in der Regel den unwiderruflichen Ausschluss aus Familie und Gemeinschaft. Und dies, obwohl für den Talmud Homosexualität eigentlich gar nicht existiert und das religiöse Grundlagenwerk so zweideutige Botschaften gibt wie: «Gott will nicht, dass der Mensch leidet – er will, dass er geniesst» oder «Je näher der Sünde, desto grösser die Nähe zu Gott». Ezri und Aarons Begehren hat denn auch keinen Namen und geschieht einfach – stürmisch und zärtlich zugleich. Ein Offenlegen der Gefühle scheint unmöglich, und um den Schein zu wahren, ist Aaron sogar bereit, sich der Sittenwache seines Quartiers anzuschliessen, welche “Störenfriede”, die sich nicht an den herrschenden Moral-kodex halten, zur Räson bringt.

Bedächtig zeichnet der Regisseur von Eyes Wide Open Handlung und Charaktere, kleidet das Drama in Bilder, die ohne viel Dialog funktionieren. Der Kameramann Axel Schneppat findet dafür immer wieder Kadragen, die den Blick von aussen versinnbildlichen – sei es, dass eine kaum geöffnete Tür die Sicht begrenzt oder sich die Dinge im Off abspielen. Doch trotz der ausgewogenen Visualität will der Funke nicht recht springen: Zu papieren bleibt die innere Not der Protagonisten – nicht nur die Anziehung des gut aussehenden Ezri zum eher unscheinbaren Metzger Aaron, sondern auch Aarons Dilemma: Als stolzer Familienvater schaut er bei den geselligen Sabbat-Essen, an denen auch Ezri teilnimmt, jeweils in die Runde, was zwar vermuten lässt, wie schwer es ihm fallen würde, das alles aufzugeben – doch sucht man darin vergeblich nach Zeichen seiner mutmasslichen inneren Zerrissenheit.

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Die Brisanz von Eyes Wide Open liegt denn auch weniger auf dem Drama der Protagonisten als vielmehr auf der Dynamik der nachbarschaftlich-religiösen Gemeinschaft, die zwar einerseits Anteilnahme und Geborgenheit bietet, andererseits aber nicht vor Drohgebärden und selbst vor Gewalt nicht zurückschreckt, wenn die Eskapaden ihrer Schäfchen ihre Fundamente zu erschüttern drohen. Das mag auch erklären, weshalb Eyes Wide Open zwar aufrüttelt, aber kaum eine ähnlich grosse emotionale Betroffenheit zurücklässt wie etwa Amos Gitais Meisterwerk Kadosh (1999), in dem die orthodoxe Community sich ebenfalls zur Richterin über das Schicksal von zwei Liebenden aufspielte: Dort wurde ein seit zehn Jahren glücklich verheiratetes Paar vom Rabbi aufgrund der vermeintlichen Unfruchtbarkeit von Meïrs Frau Rivka zur Trennung gezwungen – mit fatalen Folgen. Oder auch Yossi & Jagger (2002) von Eytan Fox, der von der tabuisierten Liebe zweier israelischer Soldaten handelte und tief berührte. Eyes Wide Open bleibt da eher in der Schwebe, nicht ohne aber die Handlungsweise einer Gemeinschaft offenzulegen und zu verurteilen, die in willkürlicher Auslegung des religiösen Texts ihre Mitglieder zu züchtigen und zu normieren sucht – ohne Rücksicht auf Verluste. Haim Tabakmans Debütfilm entstand als israelisch-französisch-deutsche Koproduktion und wurde 2009 in Cannes im Rahmen von «Un certain regard» gezeigt.

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Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 2/2010 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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