Auf einem Foto strahlt Bruno Manser als geschniegelter kleiner Junge mit hellblauer Schleife geradewegs in die Kamera. Mitnichten traut man dem braven Spross im Sonntagsstaat sonderlich abenteuerliche Wunschträume zu. Und doch schrieb er schon damals in einem Schulaufsatz zum Thema «So ein Mann möchte ich werden», dass er sich seine Zukunft als «Naturforscher» vorstelle und am liebsten den Dschungel erforschen und der Zerstörung der Natur durch die zivilisierte Umwelt entgegenwirken wolle.
Was der 1954 in Basel geborene Bruno Manser sich als Bub mit vielen lebhaften Details ausmalte, sollte er auch tatsächlich in die Wirklichkeit umsetzen. Schon als Jugendlicher bereitete er sich auf ein Leben unter freiem Himmel vor und schlief sommers wie winters auf dem Balkon der Basler Familienwohnung, und um sich selbst Kleider anfertigen zu können, absolvierte er Schnupperlehren als Schneider, Gerber und Weber. Mit zwanzig dann tauchte er in den Dschungel von Borneo ein und stiess auf die dort heimischen Nomaden – die Penan –, die noch wie zu Urzeiten lebten: in Selbsterhaltung, in und mit der Natur und als «Sozialität», wie Manser es nannte – als kleine Gemeinschaft, die seinen Traum vom solidarischen Zusammenleben aus der Utopie in die Realität holte. Von den Penan wurde er als einer der ihren aufgenommen und in die Geheimnisse des Überlebens im Dschungel eingeweiht. Sechs Jahre blieb er bei ihnen und engagierte sich später für ihren zunehmend bedrohten Lebensraum. Mit seinen spektakulären Aktionen gegen die Abholzung des Regenwaldes wurde Manser zur politischen Ikone der Umweltschützer – aber auch zur Zielscheibe der malaysischen Holzlobby und Regierung. Was ihn möglicherweise auch sein Leben kostete: Seine Spuren verlieren sich 2000 im Regenwald.

Sieben Jahre später nun präsentiert Christoph Kühn ein Porträt des Abenteurers. Kühn, der sich mit Vorliebe der Verfilmung von Lebensläufen widmet – etwa mit Sophie Taeuber-Arp (1993) oder mit Nicolas Bouvier, 22 Hospital Street (2005) –, führt uns mit seinem Film über Bruno Manser mitten ins wuchernde Grün des Regenwalds: Kühn hatte sich zuerst einmal selbst unter kundiger Führung auf die Wanderung durch den Dschungel gemacht und die Menschen gesucht, die Manser gekannt hatten. In seinem Film verflicht Kühn die Aussagen dieser Zeitzeugen mit dem vielfältigen Archivmaterial, das Mansers Leben im Dschungel dokumentiert, darunter auch Fotografien oder ein bislang unveröffentlichter Filmausschnitt, der Manser nach einem Schlangenbiss gesundheitlich schwer angeschlagen zeigt.

Bruno Manser zeichnet ein sehr persönliches Bild dieses aussergewöhnlichen Ethnografen: Zeugnis von Mansers Erlebnissen legen dabei nicht nur Auszüge aus seinen publizierten Tagebüchern ab, in denen er die Penan und ihre Lebensgewohnheiten, aber auch alles, was um ihn herum kreuchte und fleuchte, äusserst anschaulich in Beschreibungen und Aquarellen festhielt. Kühn durfte für seinen Film auch Audiokassetten verwenden, die Manser statt Briefe an seine Familie geschickt hatte und in denen er aus dem Moment heraus für seine Liebsten die abenteuerliche Atmosphäre seines Lebensraums beschrieb. Doch Bruno Manser war nicht nur ein begabter Erzähler und gewissenhafter Beobachter – er versuchte auch, hinter die Dinge zu sehen. Dafür steht etwa seine gefahrvolle Exkursion auf den sagenumwobenen Berg Batu Lawi, der im undurchdringlichen Herzen des Dschungels liegt und der von den Einheimischen als «Geisterberg» gemieden wird. In der Abgeschiedenheit soll Manser dort die «Stimme Gottes» vernommen haben, wie er einem guten Freund anvertraute. Diesem mystischen Flair Nachdruck zu verschaffen und damit eine eher verborgene Facette seiner Persönlichkeit ins Licht zu rücken, ist denn auch eines der Hauptanliegen dieser umsichtigen filmischen Annäherung an den Menschen Bruno Manser.
